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Nicht-Semester vs. Kann-Semester: Über den Sinn und Unsinn dieser Ansätze

Die in Reaktion auf die Coronavirus- bzw. Covid-19-Krise eingeleiteten Maßnahmen haben drastische Veränderungen für viele Aspekte des täglichen Lebens in zahlreichen Ländern der Welt mit sich gebracht. Die Krise hat auch Studierende beeinträchtigt, insofern sie die Notwendigkeit rechtfertigt, Vorlesungen von einer Studienform, bei der sich Studierende in Hörsälen zusammenfinden, um Vorlesungen zu hören, in eine Online-Form umzuwandeln, bei der Plattformen wie Udemy und andere Verwendung finden. Doch auch wenn diese Maßnahmen bereits am Anfang der Coronavirus-Pandemie unternommen und bestmöglich umgesetzt werden, haben viele Hochschulen in Deutschland, der Schweiz und Österreich Schwierigkeiten bei der Vermittlung von Inhalten und Kompetenzen, die Studierende benötigen, um im Studium voranzukommen. Dies hat dazu geführt, dass viele der Hochschulen in den genannten Ländern in Erwägung ziehen, ob das Sommersemester 2020 ein Nicht-Semester oder ein Kann-Semester werden wird. Beide Ansätze haben ihre Befürworter und Gegner. In diesem Artikel erfolgt ein kurzer Überblick über die Vorzüge und Nachteile jedes Ansatzes im Hinblick darauf, wie ihre Umsetzung die Studierenden betrifft.

Non-semester vs. optional semester: About the sense and nonsense of these approaches

Das Nicht-Semester – wird offiziell nicht gezählt und Vorlesungen können ausgelassen werden

Ein Nicht-Semester ist ein Semester, das derart organisiert ist, dass Vorlesungen online über verschiedene Studienplattformen wie Udemy, Google Classroom und anderen durchgeführt werden können. Allerdings ist die Teilnahme an den Lehrveranstaltungen nicht verpflichtend. Die Studierenden können so viele Vorlesungen besuchen wie sie möchten, ohne dass sie gerügt werden, falls sie nicht an einer Vorlesung teilnehmen, etwa weil sie für Familienangehörige oder für Personen einkaufen gehen, die nicht nach draußen gehen können, weil sie älter sind oder gesundheitliche Schwierigkeiten haben, die ihr Immunsystem gefährden. Darüber hinaus zählt das Nicht-Semester nicht zu der Gesamtzahl der Semester, die erforderlich sind, um ein Studium an einer Hochschule abzuschließen. Da die Zeit nicht offiziell angerechnet wird, führt dies nicht dazu, dass man einen Teil des Stipendiums, Darlehens oder des befristeten Arbeitsvertrages erschöpft. Wenn beispielsweise ein Studierender über einen Arbeitsvertrag über einen Beschäftigungszeitraum von fünf Semestern verfügt und noch drei verbleiben, bis der Vertrag abläuft, dann wird man nach einem Nicht-Semester weiterhin drei Semester des Vertrages haben. Ähnlich verhält es sich bei Forschungsprojekten.

Dieser Ansatz wurde von zahlreichen Professoren und Hochschullehrenden in Form offener Briefe vorgeschlagen, die an Spitzenpolitiker wie Ministern für Wissenschaft und Bildung addressiert waren. Der Name wurde durch den Vizepräsidenten der Hochschulrektorenkonferenz, Prof. Dr. Ulrich Radtke, geprägt, der ihn während eines Interviews mit dem Deutschlandfunk-Radio erwähnte. Die Hochschulrektorenkonferenz und der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) zählen zu den Organisationen, die diesen Vorschlag befürworten und unterstützen:

 

Förderung bleibt, aber das Semester zählt nicht

Bei einem Nicht-Semester, wie bereits erwähnt, haben Studierende die Option, an Onlinekursen teilzunehmen, die während des Semesters angeboten werden, oder die Fächer abzuschließen, die sie noch aus dem Wintersemester übrig haben, aber ohne dass die Zeit auf die Studiendauer angerechnet wird, die zum Abschluss der Studiums nötig ist. Gleichzeitig verlieren die Studierenden nicht ihre Finanzierung oder schaden ihrer befristeten Beschäftigung bzw. ihren Fristen. Ein solcher Ansatz kann Studierenden dabei helfen, sich auf wichtige Dinge zu konzentrieren, wie die Suche nach einer Beschäftigung, das Beenden früherer Kurse oder Fächer, die Betreuung von Familienangehörigen, bei denen es sich um ältere Menschen oder Kinder handelt, ohne den unnötigen Stress, sich um das Sommersemester sorgen zu müssen. Darüber hinaus kann ein Nicht-Semester Studierenden die Möglichkeit bieten, sich um ihre Gesundheit zu kümmern und sich zu Hause zu erholen, ohne zu riskieren, andere Personen anzustecken. Da das Nicht-Semester nicht auf die Studienzeit angerechnet wird, erlaubt es ihnen zudem, die Finanzierung für ein Semester in Form von Darlehen oder Stipendien nicht ausschöpfen zu müssen. Dies gilt insbesondere für das Bafög.

Überdies besteht nicht das Risiko, dass man ein Semester eines befristeten Arbeitsvertrags verliert, ohne wertvolle Erfahrungen zu sammeln oder eine Bezahlung zu erhalten, was besonders günstig für Doktoranden und duale Studierende ist. Ebenso kann ein Nicht-Semester davor bewahren, Fristen zu verpassen, insofern sie um ein Semester verlängert werden, was Studierenden Zeit gibt, um ihre Arbeiten fertigzustellen. Es sei darauf hingewiesen, dass Studierende, die sich für ein Nicht-Semester entscheiden, je nach den Bestimmungen der Hochschule, an der man studiert, zusätzliche Credits in den Wahlbereichen erhalten können. Des Weiteren bewahrt ein Nicht-Semester Studierende und das Lehrpersonal davor, langwierige und erschöpfende bürokratische Prozesse durchlaufen zu müssen, wie das Einreichen von Entschuldigungen für verpasste Vorlesungen oder Prüfungen oder das Beantragen neuer Fristen, Prüfungstermine etc.

 

Mögliche Nachteile eines Nicht-Semestersein „Null-Semester“ ist vielleicht nicht genug

Auch wenn ein Nicht-Semester gewisse Vorzüge als Ansaz für das Sommersemester 2020 mit sich bringt, gibt es auch gewisse Nachteile, die berücksichtigt werden sollten und die der Grund dafür sind, dass viele der Umsetzung trotz der Vorteile für Studierende und Lehrpersonal ablehnend gegenüberstehen. Zu der Opposition zählt etwa Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer.

Zunächst wird ein Nicht-Semester, wie bereits erwähnt, nicht auf die Gesamtstudienzeit angerechnet. Damit geht einher, dass die Studierenden unter Umständen etwas länger studieren müssen als erwartet, da ein Nicht-Semester im Grunde ein „Null-Semester“ ist, was wiederum eventuell Probleme hinsichtlich Aufenthaltsgenehmigungen mit sich bringen könnte. Wenn zum Beispiel die Hochschule, an der man studiert, sich für das Sommersemester für ein Nicht-Semester entschieden hat, dann wird dies die Zeit, die man zum Abschluss des Studiums benötigt, verlängern. Je nach Situation kann dies eine Herausforderung darstellen, zum Beispiel, wenn man sich nicht erlauben kann, die Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern oder wenn man die Verlängerung nicht erhält. Der Erhalt der Verlängerung ist vielleicht nicht möglich wegen geschlossener Büros, zu vieler Anfragen oder aus anderen Gründen. Dies kann wiederum zu Stress seitens des Studierenden führen, so dass er das Studium möglicherweise nicht abschließen kann und vorzeitig sowie unfreiwillig das Studium abbrechen muss. Darüber hinaus ist es vielleicht nicht möglich, dass die während der optionalen Lehrveranstaltungen erhaltenen Credits auf die Anzahl angerechnet werden, die der Studierende benötigt, um sich für wichtige Prüfungen zu qualifizieren. Hinzu kommt: Sollten alle folgenden Semester normal ablaufen, der Studierende sich aber weiterhin um kranke, ältere Menschen oder Kinder kümmern muss, dann kann dies zu Problemen führen wie Konzentrationsmangel, ein hohes Maß an Stress und andere. Überdies ist ein einzelnes Nicht-Semester nicht unbedingt eine Hilfe, wenn es darum geht, die durch Online-Kurse hervorgebrachte Verwirrung und Frustration in Bezug auf Verbindungsprobleme oder Fehlfunktionen der genutzten Hard- und Software zu mildern. Eine mögliche Folge ist der Verlust von Zeit und der Chance, Wissen und wertvolle Informationen zu erlangen.

 

Das Kann-Semesternicht bestandene Prüfungen können ohne Risiko wiederholt werden

Die Alternative zum Nicht-Semester ist das optionale oder „Kann“-Semester. Hierbei handelt es sich um ein Semester, bei dem Lehrveranstaltungen je nach Bereitschaft des Studierenden besucht werden können, mit dem Ziel, Freiraum  zu schaffen und die Studierenden darauf vorzubereiten, Online-Kurse und -Vorlesungen zu besuchen. Um die Einführung des Kann-Semesters wurde gebeten über Mittel wie eine Online-Petition, die aktuell von 45.000 Studierenden unterzeichnet wurde, sowie über Aufrufe von Organisationen wie dem Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) der Universität Rostock. Dies liegt daran, dass ein Kann-Semester Studierenden mehrere Optionen in Bezug auf Prüfungen bieten kann, die sich unter den gegebenen Umständen als hilfreich erweisen können. Gleichwohl gibt es wie beim Nicht-Semester mehrere Nachteile, die erhebliche Schaden anrichten und den Studienstress sowie die Frustration erhöhen können. Folgende Vor- und Nachteile gehen mit diesem Ansatz einher:

 

Freiwillige Teilnahme und nicht bestandene Prüfungsversuche zählen nicht

Ein Kann-Semester ist ein Semester, bei dem Lehrveranstaltungen so gut wie möglich und mit so vielen Inhalten wie möglich angeboten werden, so dass Studierende weiterhin in den von ihnen gewählten Fächern unterrichtet werden können. Die Studierenden dürfen je nach verfügbarer Zeit freiwillig teilnehmen, was günstig sein kann, wenn man ehrenamtlich arbeitet oder sich um Familienmitglieder kümmert, die krank, alt oder Kinder sind. Einer der Hauptvorteile des Kann-Semesters liegt in der Option, eine Prüfung zu wiederholen, falls man durchfällt, ohne dass der vorherige Versuch zu der Gesamtzahl der Versuche gezählt wird, die man unternimmt, bevor die Prüfung als nicht bestanden gilt oder man das Studium beenden muss. Dies ermöglicht Studierenden beispielsweise, ihr Studium fortzuführen und ohne Risiko einen Neuversuch vorzunehmen, insbesondere wenn man andere Aufgaben hat, wie für Personen einkaufen zu gehen, die aufgrund ihres Alters oder von Krankheit nicht nach draußen gehen können; sich im Rahmen von Freiwilligkeitsarbeit um Kranke zu kümmern; oder im Falle von Medizinstudenten: Hilfe bei der Entwicklung von Arzneimitteln zu leisten, die zur Reduzierung der Auswirkungen des Coronavirus beitragen und künftigen Pandemien vorbeugen, wie Impfstoffe oder Medikamente.

Ferner können je nach Zeitplan der Hochschule und den zur Verfügung stehenden Optionen Prüfungen in das nächste Semester bzw. bis auf den nächsten verfügbaren Termin verlegt werden. Dies trägt weiter dazu bei zu gewährleisten, dass man bei einer Prüfung erfolgreich ist, insofern man mehr Zeit hat, sich vorzubereiten und seine Fähigkeiten zu verfeinern. Daneben kann ein Kann-Semester Studierenden und Hochschulen die Chance bieten, die Option des Onlinelernens zu verbessern und Materialien über Online-Plattformen zur Verfügung zu stellen, um sich besser auf künftige Ausnahmesituationen vorbereiten zu können, wie zum Beispiel, wenn man aufgrund gesundheitlicher Probleme nicht das Haus verlassen kann. Darüber hinaus kann es Studierende dazu motivieren, eine gewisse Routine beizubehalten, was wiederum dazu beitragen kann, einen Sinn für Normalität sowie Disziplin in Zeiten des Zuhausebleibens zu erhalten. Aufgrund dieser Vorteile unterstützen viele Studentenorganisationen wie der Allgemeine Studierendenausschuss an der Universität Rostock und an der Universität Greifswald diesen Ansatz. Der Allgemeine Studierenenausschuss der Hochschule Wismar University of Applied Sciences, Technology, Business, and Design, der Hochschule Stralsund, der Hochschule Neubrandenburg sowie der Studentenrat der Hochschule für Musik und Theater Rostock haben ebenfalls ihre Unterstützung gezeigt, unter anderem durch das Sammeln von aktuell rund 45.000 Unterschriften von Studierenden für Petitionen.

 

Mögliche Nachteile des Kann-Semesterszu viele Prüfungen können überfordernd sein

Zu den möglichen Nachteilen des Kann-Semesters gehört, dass es bei Studierenden in späteren Semestern ein Gefühl der Überforderung auslösen kann. Dies liegt daran, dass eine verzögerte oder wiederholte Prüfung zu sehr das Risiko birgt, dass Studierende zu viele Fächer innerhalb kurzer Zeit belegen müssen, was ein hohes Maß an Stress erzeugt und unerwünschte gesundheitliche Komplikationen nach sich ziehen kann, wie die Gefahr, an Diabetes zu erkranken, Gewichtszunahme, Depressionen und andere. Ein Verzögern zu vieler Prüfungen erhöht daneben das Risiko, in einer oder mehreren Prüfungen durchzufallen und so Schwierigkeiten zu verursachen wie ein Studienabbruch oder die Notwendigkeit, Anträge auf Verlängerung oder neue Versuche zu stellen etc.

Des Weiteren kann ein Kann-Semester einen unerwünschten Einfluss in Bezug auf Festverträge, Stipendien und anderes haben, da im Unterschied zum Nicht-Semester, das zwar absolviert werden kann, aber nicht offiizell auf die Studienzeit angerechnet wird, ein Kann-Semester höchstwahrscheinlich gezählt wird. Ebenso kann es Schwierigkeiten im Hinblick auf Fristen und die Abgabe von Hausarbeiten oder Projekten geben, was wiederum zu übermäßigem Stress führt, insbesondere wenn Studierende einen Ausgleich finden müssen zwischen der Fürsorge von Nahestehenden, sich selbst sowie von Arbeiten und Studium. Außerdem besteht die Möglichkeit, dass Studierende, denen es aufgrund der vorgenannten Aspekte des Ausgleichfindens an der nötigen Disziplin und Motivation mangelt, nicht die empfohlene oder erforderliche Leistungsfähigkeit aufweisen. Dies kann zu einer Verschlechterung ihrer Noten und Gesamtleistung führen, was wiederum Auswirkungen auf Angelegenheiten wie Stipendien haben kann. Außerdem kann man Problemen begegnen wie dem, dass man an Kursen aufgrund von Schwierigkeiten mit der Internetverbindung oder Hardware nicht teilnehmen kann. Ebenso kann dies für Studierende schwierig sein im Hinblick auf die Beantragung der Prüfungen, die sie gerne verschieben möchten oder auf die Wiederholung einer nicht bestandenen Prüfung, ohne dass der Fehlversuch gezählt wird, da sie den Studienbetreuer oder Mitarbeiter kontaktieren müssen, der für den betreffenden Kurs zuständig ist. Es ist wegen derartiger Bedenken und potenziellen Nachteile, dass einige Organisationen und Akademiker gegen die Umsetzung des Kann-Semesters sind. Beispiele für Gegner dieses Ansatzes sind der Freie Zusammenschluss von StudentInnenschaften sowie renommierte Wissenschaflter und Dozenten wie Dr. Marcus Kleiner, Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaften an der SRH Berlin University of Applied Sciences.

 

Welcher der beiden Ansätze effektiver ist, wird sich zeigen

Sowohl das Nicht-Semester als auch das Kann-Semester hat seine Vor- und Nachteile, wenn es darum geht, Studierenden bzw. Hochschulen dabei zu helfen, weiterhin während der Coronaviruskrise zu studieren bzw. Inhalte zu vermitteln. Ein Nicht-Semester kann beispielsweise dazu beitragen, der geistigen und körperlichen Erschöpfung von Studierenden durch zu viele Verpflichtungen vorzubeugen, ohne dass diese Vorbeugung den Stipendien, Forschungsprojekten und anderen wichtigen Hochschulangelegenheiten einen Schaden zufügt, da es nicht offiziell gezählt wird. Andererseits kann dieser Ansatz Probleme in Bezug auf Angelegenheiten wie Aufenthaltsgenehmigungen verursachen. Ein Kann-Semester emöglicht Studierenden, eine Prüfung zu wiederholen, ohne dass der Fehlversuch zur Gesamtzahl der möglichen Versuche gezählt wird. Allerdings kann es auch zu einem hohen Maß an Stress führen, wenn viele Prüfungen verzögert oder wiederholt werden. Jeder der beiden Ansätze hat sowohl seine Befürworter als auch seine Gegner, je nach dem, ob die jeweilige Gruppe der Überzeugung ist, dass die Vorteile die Nachteile überwiegen bzw. die potenziellen Nachteile im Vergleich zu den Vorzügen zu prekär sind. Welcher Ansatz für das Sommersemester die effektivere und klügere Variante darstellt, wird sich zeigen.

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